Allgemeine Verwirrung und Ratlosigkeit - ein kleiner Überblick über meine Vorgeschichte zum Thema "Geschlechtsidentität"


Unter Einfluss von Koffein, viel Koffein, und den Nachwirkungen meines Keuchhustens beschloss ich, meine Erkenntnisse und Erfahrungen rund ums Thema "Geschlechtsidentität" zu dokumentieren – sowohl als Hilfe für mich selbst, da ich im Moment sehr unsicher bin, welches Label mich am passendsten darstellt und was und wer ich eigentlich sein möchte, als auch als Hilfe für andere.

Als Erstes möchte ich Generelles zu meiner Person sagen. Ich war noch nie wirklich mädchenhaft, so klischeehaft das auch klingen mag. Ab einem bestimmten Alter nahm ich die Farbe rosa nicht mehr als eine für mich als Mädchen bestimmte Farbe wahr. Bis zum heutigen Tag fühle ich mich äußerst unangenehm in "traditionell weiblicher Kleidung". Ich fühle mich verletzlich, angreifbar und einfach lächerlich, wenn ich gezwungen werde, Röcke oder Kleider zu tragen. Ich wollte als Kind allerdings auch nie ein Junge sein. Ich bevorzuge schon immer praktische Kleidung, in der ich mich gut bewegen kann. Farben und Kleidung sollten sowieso nicht geschlechtsspezifisch sein.
Auch Make-Up ist für mich ein absolutes Rätsel. Ich frage mich, wie andere es schaffen, ihr Make-Up perfekt aufzutragen. Mehr als blemish-cream, die ich mir ins Gesicht klatsche, damit die unreine Haut etwas weniger auffällt, gibt es bei mir nicht. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich doch Make-Up trage, fühle ich mich wie ein Alien. Beim Blick in den Spiegel erscheint das Make-Up als absolut unpassend in meinem Gesicht. Was bei anderen Personen ganz natürlich aussieht, wirkt bei mir, als würde man ein übertrieben geschminktes Clownsgesicht ansehen.

Als ich mich vor fast einem Jahr bei meiner Mutter als lesbisch outete, bestand eine der wenigen Fragen, die sie anschließend stellte, mehr aus unausgesprochenen als aus ausgesprochenen Gedanken: "Du bist aber nicht auch noch … Du weißt schon…".
Ich brauchte keine Sekunde, um zu begreifen, was sie meinte. Was könnte "schon schlimmer" für eine Mutter sein, die keine Erfahrung mit homosexuellen Personen oder anderen "Andersartigen" hat und deren Tochter schon immer wie ein Tomboy herumgelaufen ist?
Dass sie transgender ist.

Lesbisch - okay, komisch, aber dass ihre Tochter eigentlich ein Sohn sein könnte? Oh Schreck, oh Graus, was werden nur die Nachbarn sagen!
Damals habe ich natürlich den Kopf geschüttelt und bestimmt ihre Frage verneint. Ich war froh, dass sie mein Outing so überraschend "gut" verkraftet hatte. Dabei hatte ich schon immer meinen Körper betreffende Komplexe. Er sieht nämlich nicht wirklich weiblich aus. Mit einem Sport-BH kann ich meine Oberweite fast komplett verschwinden lassen. Mit einem Hoodie sieht man meine dünnen Arme nicht. Wenn ich krankheitsbedingt abnehme, ist kaum noch etwas da, was ihn "weiblich" oder "runder" aussehen lassen würde.
Ich habe mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, ob es auch Geschlechtsidentitäten außerhalb des gängigen binären Systems geben könnte, geschweige denn wie genau das aussehen und funktionieren soll. Durch das Internet wurde ich nach und nach über sexuelle Orientierungen und unterschiedliche Geschlechtsidentitäten "aufgeklärt". Gepriesen sei die moderne Zeit! Ich verbrachte etliche Stunden auf YouTube und Tumblr, bis ich ein paar Dinge entdeckte, die eventuell auf mich zutreffen könnten. Transgender? Zur damaligen Zeit habe ich das ganz klar verneint.
Genderfluid? Ich wechselte nicht zwischen den Geschlechtern, war nichts dazwischen. Dann stieß ich auf einen simplen, langweiligen Standard-post. Er beinhaltete ein Gedankenkonstrukt, es lautet in etwa: "Ihr lebt in der Zukunft. Die Menschen der Zukunft können ihren Körper nach ihrem Willen verändern. Was würdet ihr verändern?"
Eine wirklich gute Frage. Was würde ich verändern? Ich würde mir reine Haut wünschen. Aber sonst? Eigentlich war ich ganz zufrieden mit meinem Körper. Ich würde ihn lediglich so geschlechtsneutral und androgyn wie möglich machen. Die eh schon geringe Oberweite weg und vielleicht ein etwas schmaleres Becken.
Neutral war für mich das absolute Stichwort.
Ich begann, alles zum Thema "agender" zu recherchieren. Agender identifizieren sich im Prinzip mit keinem Geschlecht auf dem bunten Geschlechterspektrum. Wenn man eine Person, die sich als agender sieht, fragt, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sei, würde diese die Frage wahrscheinlich verneinen. Ich begann im Englischen "they/them" Pronomen zu verwenden (die immer noch gültig sind). Im Deutschen benutzte ich aufgrund des Mangels an adäquaten geschlechtsneutralen Pronomen weiterhin "sie/ihr".

So weit so gut.
Für mich hieß diese Geschlechtsneutralität, mich zunehmend so zu kleiden, dass mein Gegenüber nicht sofort weiß, ob er es mit einer männlichen oder weiblichen Person zu tun hat. T-Shirts bestelle ich nur noch in Unisex oder in der Herrenabteilung. Enganliegende Kleidung empfinde ich schon seit längerem als unangenehm.

Für mich begann damit eine Phase, in der ich sehr viele Videos von female-to-male-trans-YouTubern ansah und noch ansehe (vielleicht stelle ich bei Interesse besagte YouTuber in einem anderen Post vor). Die Veränderungen der Menschen durch Testosteron zu beobachten, fasziniert mich immer noch. Menschen dabei zuzusehen, wie sie auch äußerlich zu den Menschen werden, die sie in ihrem Inneren bereits waren.

Nun stellt sich mir die schwierige Frage, ob ich vielleicht transsexuell bin. Ich habe bisher eigentlich nicht den Wunsch verspürt, ein Mann zu werden. Finde ich es besser, äußerlich als männlich wahrgenommen zu werden als in den Spießrutenlauf der Geschlechtsidentität nach außen zu geraten („Bist du ein Mann oder eine Frau? Vielleicht eine unattraktive oder burschikose Frau?“)? Ja, auf jeden Fall.
Besonders in den letzten Wochen habe ich zunehmend Kleidung und Schuhe gekauft, mit denen ich eindeutig wie ein Junge aussehe. Womit auch zunehmend meine Dysphorie zugenommen hat – ein ebenfalls sehr komplexes Thema. Nach langem Zögern bestellte ich mir schließlich einen Binder. Noch ein komplexes Thema. Es ist umwerfend toll, ein T-Shirt zu tragen und zu sehen, dass es endlich richtig sitzt.

Erst heute wurde ich als junger Mann angesprochen, obwohl ich keinen Binder oder Sport-BH und auch kein Snapback trug, mit dem ich normalerweise ganz automatisch wie ein Kerl aussehe. Ich weiß nicht, wie ich zu diesem Erlebnis stehen soll. Will ich ein Mann sein? Eigentlich verneine ich das immer noch. Will ich eine gewisse männliche Ästhetik nach außen hin verkörpern und dementsprechend wahrgenommen werden, wenn ich das gerade möchte? Das kann ich auf jeden Fall bejahen. Verwirrt mich das alles ungemein? Absolut. Sehen mich Leute verwirrt oder urteilend an, wenn sie meine eher maskuline Kleidung und mein männliches Auftreten sehen – und dann dazu meine weibliche Pieps-Stimme hören? Ja, und das belastet mich inzwischen jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse.

Das soll es als grober Überblick über meine bisherige Findungsphase zum Thema Geschlechtsidentität gewesen sein. Habt ihr Fragen oder eigene Erfahrungen, Anregungen oder spezielle Themen, über die ich schreiben sollte? Lasst doch einen Kommentar da, ich würde mich sehr freuen.
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